Begegnung der anderen Art

Nach einem Telefonat mit Manish und einem frisch aufgegossenen grünen Tee, bin ich in Erzählerlaune und kann versuchen eine meiner letzten Erfahrungen mit Euch daheim zu teilen. Ich kann jedoch jetzt schon vorwarnen, denn so unglaublich merkwürdig wie die Situation und das Gefühl waren, so schwer wird es in Worte zu fassen sein und sicherlich enttäuschen. Aber nun gut.


Es war ein unschuldiger Samstagabend. Er war mindestens so unschuldig wie ich selbst, wenn nicht gar einen Tick mehr, falls überhaupt möglich. Aber definitiv sehr unschuldig, zu Anfang. Ich war also auf dem Weg zu einer Abschiedsfeier, die in der Q-Bar in der Sanlitun Nanlu starten sollte. So weit, so unschuldig. Die Q-Bar ist eine Art stilvolle Bar im obersten Stock eines Hotelgebäudes, mit unglaublich toller Dachterasse, die aufgrund des Wetters noch nich eröffnet ist. Nun war ich am Vorabend schon mal da gewesen und kannte meinen Weg. Man muss dazu sagen, dass jenes Hotel eines dieser typisch chinesischen Hotels in einer Seitenstrasse einer Seitenstrasse ist, die üblich mindestens 9 von 5 Sternen haben und unter attraktiven Namen wie “The Great Emperor” oder “The Lucky Dragon” geführt werden. Einen leicht billigen und sowjet-kitschigen Stil lassen sich solche Etablissements nicht nehmen und laden entsprechend zu Übernachtungen oder stundenweiser Nutzung ein. Je nach Gusto und Verlangen. Erwähnte ich die Unschuldigkeit dieses Abends und auch die Unbelfecktheit meines Hemdes? Mag man vom Hotel, seiner Lage und seines Rufs halten was man will, so hat die Q-Bar nun wirklich nichts damit gemein und unterstreicht dann doch eher den gehobeneren Stil, ganz im Sinne von Sehen und Gesehen werden 🙂 Und mitten drin ich, gehüllt in klassischer Bescheidenheit mit schlichten Absichten, auf dem Weg in einen ereignisreichen Abend.
Durch den Haupteingang trete ich nun in die Lobby des Hotels und ziele lässig und unbeeindruckt in Richtung Fahrstuhl. Mein Gang und mein Auftreten strahlen Zuversichtlichkeit aus, ich bin ja nun nicht zum ersten Mal hier und weiß was ich tue. Das Hemd sitzt, die Sneakers folgen dem vorgegeben Weg. Bei all diesen fast einstudierten Abläufen, der Griff geht locker zur Ruftaste des Fahrstuhls, bleibt mir das nette Figürchen vor dem Fahrstuhl nicht verborgen. Weder ihr noch der Lobby habe ich einen deutlichen Blick gewidmet, schweift mein Blick doch in Belanglosigkeit gehüllt gegen den nicht sichtbaren Horizont und deutlich cool, fast beiläufig zu meinem Handy und wieder in Richtung Lässigkeit. Das ist meine Stadt und meine Nachbarschaft. Mein Auftreten ist an Coolness kaum zu überbieten. Beiläufig fallen mir folgende Details auf: Figur nett, Kleidung nicht schlecht, Stil sicher nicht zu billig. Steht sie nun eher direkt zum Fahrstuhl, kann ich sie nur von hinten betrachten, ganz beiläufig, ganz wenig Profil ist aus meiner Position zu erhaschen. Ein wenig weniger Belanglosigkeit und ich hätte rechtzeitig gemerkt, dass sie den Fahrstuhl bereits gerufen und der Kopf bereits gedrückt und bereitwillig aufleuchtet. “Dirt off my shoulder” schüttel ich diese Tatsache belanglos ab und bin mir meines Auftrittes bewusst. Werde ich noch entspannter, betrete ich den Fahrstuhl noch mit einer nassen Hose, also rufe ich mich zu ein wenig mehr Haltung auf. Dieses Intro zum folgenden Abend dauert bis hierhin vielleicht wenige Sekunden und schon macht sich ein sehr eigenartiges Gefühl im Bauch und Rückenmark breit. Irgendetwas stimmt nicht. Doch Haltung und Anspruch an meine eigene Person lassen sich nichts anmerken, meine Blick gleitet beiläufig auf mein Handy. Während ich auf mein Display starre, kommt es mir sehr eigenartig vor, dass die Dame vor dem Fahrstuhl mich scheinbar zu mustern scheint. Eigenartig deshalb, weil ich mir innerhalb von 0.1 Sekunden sicher war, die Kleine spielt in einer höheren Liga als ich – wobei nicht klar war ob nur sie das dachte oder ob es tatsächlich so war, nur hätte mich, nach meinem ersten Eindruck, eine solche Frau niemals eines Blickes und schon gar keines zweiten Blickes gewürdigt. Weshalb also verharrt ihr Blick also spürbar auf mir? Hosenstall ist zu, Knöpfe an meinem Mantel sind nicht verkehrt geknöpft, die Sneaks haben gar keine Schnürsenkel. Alles safe. Der Blick verharrt, ich werde unruhig. Hier stimmt mehr nicht, als nur der Blick der sonst nie passieren würde. Der Fahrstuhl rettet mich für einige Augenblicke, der Ankunftston erklingt, die Tür öffnet sich und die Dame, ladies first, tritt ein, ich folge. Um in die Q-Bar zu gelangen, muss man in den 5. Stock fahren und die letzten zwei Treppen in Richtung Dachgeschoss zu Fuß nehmen. Gesagt getan, in einer beiläufigen Drehung gleite ich in den Fahrstuhl und betätige zwischen Drehung und lässigem one-eighty extrem lässig den Knopf für die 5. Etage. Selbstverständlich sehe ich den Knopf für Stockwerk 4 ebenfalls betätigt, nehme das aber zunächst gar nicht zur Kenntis, arbeite ich doch an meiner Lässigkeit. In all diesen Gedankenfetzen und lässigen Bewegungen, sehe ich ihr Gesicht und ihre intensiven Augen vor mir. Entweder ist das ein Paar ganz besonderer Augen, oder die Dame hat sich zu der Vielfalt des Mack-Ups auch farbige Kontaktlinsen besorgt, die zu dem gebräunten Hautton und den dunklen Haaren einen sehr auffälligen Blick erzeugen. Ich kann nicht leugnen, dass meine Gedanken sich nur schwer fokussieren lassen da ich eine Tüte Tiefenentspanntheit eingepackt hatte und einen lockeren Abend im Visier hatte. Die Entspanntheit weicht dem Zwang die Gedanken zu sortieren und die Situation schnellstmöglich zu analysieren und zu fassen, da ich, für mich sehr unerklärlich, mit jedem Meter den der Fahrstuhl nach oben gleitet, nervöser werde und befürchte, dass man mir das deutlich anmerkt. Die Tatsache, dass seit Beginn der Fahrstuhlfahrt ihr Blick erneut auf mir ruht und mich spürbar mustert, hilft mir ganz und gar nicht. Der fast reflexartige Griff zum Handy überbrückt drei Augenblicke und mir bleibt nichts anderes als den Blick zu erwidern. Ich hebe meinen Kopf ein wenig nach oben, den Blick weg vom Telefon welches nervös und beiläufig in meiner linken Hosentasche verschwindet, bis sich unsere Blicke treffen. Diese Augen sind zu auffällig, ich notiere gedanklich künstliche Kontaktlinsen und fahre mit meiner Analyse fort. Ebenfalls kann ich Stil und Klamotten erneut als nicht billig und als gar nicht mal ungeschmackvoll bestätigen, wie schon bei meiner ersten und anfänglichen Einschätzung. Die Situation wird jedoch in keinster Weise besser, da ich normal und ohne jeglich Botschaft schaue und ich “lediglich” einen von Wimpern betonten Schlafzimmerblick entgegnet bekomme, mit leichter Schieflage des Kopfes. Ich versuche also absolut nichts auszustrahlen, die Nachricht von drüben ist mehr als klar und angekommen. Unerklärlich bleibt weiterhin, weshalb sich mein Magen ein wenig zuzieht, mein Puls unregelmässiger wird und … hatte ich eigentlich eine Nachricht auf mein Handy bekommen oder wie war das noch gleich. Mit einem leicht grüßenden und sehr höflichen Nicken verabschieden sich unsere Blicke, ihrer weiter auf mir ruhend, meiner sehr aufmerksam zum Telefon haschend. Der Fahrstuhl erreicht den vierten Stock und mit dem “Bing” des Ankunftssignals fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das war n Typ …

Beiläufig…
Kop ***

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